Sturmbrecher · Erster Teil
Sturm
Unglück
Das Haus zitterte.
Norian lag mit offenen Augen im Dunkeln und wusste einen Herzschlag lang nicht, was ihn geweckt hatte. Der Sturm war da, natürlich war er da, er war immer da – das tiefe, gleichmäßige Dröhnen, das in den Balken wohnte wie ein zweiter Herzschlag des Hauses. Aber heute Nacht klang er anders. Ungeduldiger. Als hätte jemand das Tier, das seit Menschengedenken um das Dorf strich, mit einem Stock gereizt.
Dann kam die Erinnerung zurück, mit einem kalten Zug in der Magengrube: die Schreie gestern Nacht. Das Bersten, irgendwo im Osten des Dorfes, ein Geräusch wie von einem brechenden Knochen, nur tausendfach größer. Er hatte es im Halbschlaf gehört und sich eingeredet, es sei ein Traum gewesen, weil man sich so etwas gern einredet, kurz bevor man wieder einschläft.
Er setzte sich auf. Durch die Ritzen der Fensterläden drückte graues Morgenlicht, und mit ihm ein dünner, pfeifender Luftzug, der die Asche im kalten Kamin bewegte. Auf der anderen Seite der Kammer, hinter dem Vorhang aus grobem Leinen, hörte er Ceras Atem. Seine kleine Schwester schlief noch, zusammengerollt wie immer, die Faust unter dem Kinn. Neun Jahre alt und imstande, ein einstürzendes Haus zu verschlafen. Er stand leise auf, damit das so blieb. Die vierte Stufe knarrte; er stieg darüber hinweg, ohne hinzusehen, wie er es seit Jahren tat.
Unten in der Stube saß Vater.
Er saß auf dem Stuhl neben der Feuerstelle, in seinen Feldsachen, als wolle er gleich los – aber die Art, wie er saß, sagte etwas anderes. Die Unterarme auf den Knien, die Hände hängend, den Blick auf einen Punkt am Boden gerichtet, an dem nichts war. Norian hatte seinen Vater viele Dinge sein sehen: müde, wütend, vom Wind zermürbt. So hatte er ihn noch nie gesehen.
„Vater?“ Heute war der erste Feldtag des Jahres. An jedem anderen ersten Feldtag hätte in diesem Raum eine gereizte, fast feierliche Geschäftigkeit geherrscht. „Was ist los?“
Vater hob den Kopf, langsam, als sei er sehr schwer. „Du hast es nicht gehört heute Nacht?“
„Ich hab was gehört. Ich dachte…“ Er sprach es nicht zu Ende.
„Die Mauer ist eingestürzt.“ Vater sagte es ohne Betonung, wie man Dinge sagt, die zu groß sind, um sie zu betonen. „Oben am Nordbogen, gleich beim Steintor. Zwei Häuser wurden zerstört.“
Norian spürte, wie seine Finger kalt wurden. „Wer?“
„Die Femmers. Und der alte Bran.“ Vater rieb sich mit dem Handballen über die Stirn. „Wir haben die ganze Nacht gegraben. Ich bin erst vor einer Stunde zurück.“ Erst jetzt sah Norian den Staub in den Haaren seines Vaters, den grauen Steinstaub, der in jeder Falte seiner Jacke saß, mit dem sonst nur die Steinbogenmeister bedeckt waren. „Bran haben sie rausgeholt. Aber es war schon zu spät.“
Der alte Bran. Norian musste sich an der Tischkante festhalten, ohne zu wissen, wann seine Hand dorthin gefunden hatte. Bran, der im Winter fast jeden zweiten Abend genau dort an der Feuerstelle neben seinem Haus gesessen hatte, mit seinem Kräutersud, den außer ihm niemand trinken mochte, und der mit Vater über die alten Zeiten geredet hatte, über die Geschichte des Dorfes, über die Frage, woher die Stürme kamen. Der einzige Mensch, den Norian kannte, der solche Fragen überhaupt stellte. Woher kommt der Wind. Nicht: Wie überstehen wir ihn. Sondern: Woher.
„Ich hab ihm noch gesagt, er soll zu uns ziehen“, sagte Vater leise. „Sein Haus stand zu nah an dem baufälligen Teil der Mauer, das hab ich ihm hundertmal gesagt. Und er hat gelacht und gesagt: Näher an der Mauer heißt weniger Wind, Junge. Er hat mich Junge genannt. Mit meinen fast fünfzig Jahren.“ Vater lachte kurz, ein Lachen, das keines war, und dann saß er wieder still.
Er hatte die Stiefel anbehalten. Am Absatz klebte grauer Schlamm, getrocknet und schon wieder aufgeplatzt, und über den Knöcheln der rechten Hand lief ein kleiner blutiger Riss – frisch, mit Staub darin –, von dem er nichts zu wissen schien. Auf dem Tisch stand ein Becher mit kaltem Tee, unberührt. Vom Nachbarhaus her klappte eine Sturmtür, dann eine zweite, weiter weg. Das ganze Dorf war auf – und es war noch nicht einmal richtig hell.
Von oben kam ein Geräusch: Cera drehte sich im Schlaf. Beide sahen gleichzeitig zur Treppe, und beide dachten dasselbe, und keiner sprach es aus: dass sie es ihr würden sagen müssen. Cera hatte Bran geliebt. Bran hatte ihr Geschichten erzählt, die kein anderer im Dorf kannte, Geschichten, in denen es Orte ohne Wind gab, und Mutter hatte hinterher immer geschimpft, dass er dem Kind Flausen in den Kopf setzte, und Bran hatte gesagt: Flausen sind das Einzige, was der Wind nicht wegwehen kann. Bran war wie ein Großvater gewesen.
Norian war schon auf halbem Weg zur Tür, ehe er merkte, dass er sich entschieden hatte, zur Mauer zu gehen. Er nahm die schwere Jacke vom Haken, die Kapuze mit den Lederbändern, die man unter dem Kinn festzurrte, die Handschuhe und die Brille.
„Norian.“ Vaters Stimme. „Da ist nichts mehr zu tun.“
„Ich will es sehen.“
Vater sah ihn lange an. Vielleicht erkannte er etwas in seinem Gesicht – vielleicht dieselbe Frage, die der alte Bran immer gestellt hatte und die jetzt niemand mehr stellen würde, wenn nicht er. „Sei vorsichtig“, sagte er nur. „Er ist heute böse.“
Er. Im Dorf sagte niemand „der Sturm“, wenn es schlimm war. Man sagte er, wie von einem Nachbarn, mit dem man seit Generationen im Streit lag.
Norian öffnete die innere Tür, und da hörte er ihn schon. Jedes Haus hatte zwei Türen: Vor der eigentlichen Haustür lag die Sturmtür, massives Holz, mit Eisen beschlagen. Er schloss die Haustür hinter sich und stand in dem engen Spalt zwischen beiden. Der Zwischenraum war wichtig, damit nicht bei jedem Öffnen der Sturm den Weg ins Haus fand. Man lernte als Kind, wie es ging: den Riegel lösen, die Schulter an das Holz, den Fuß quer davor – und die Tür dann nicht mit der Hand öffnen, sondern die Schulter langsam aber kraftvoll dagegendrücken. Er öffnete die Sturmtür, und die Welt schlug ihm entgegen.
Er kannte den Wind. Er war mit ihm geboren, hatte laufen gelernt, indem er sich gegen ihn lehnte, kannte all seine Launen, seine Tageszeiten, seine Tücken an jeder Hausecke. Aber als er über die Schwelle trat, packte ihn eine Böe, wie er sie noch nie gespürt hatte, hob ihn halb von den Füßen und warf ihn seitlich gegen die Hauswand. Sein Ellbogen traf den Stein, ein greller Schmerz fuhr ihm bis in die Schulter, und für einen Moment stand er nur da, gekrümmt, die Wange am rauen Mauerwerk, und hörte den Sturm über sich hinweggehen.
Dort hinten in der Ferne, am Ostrand des Dorfes, sah er keine gerade Mauerkante mehr. In der Dämmerung war es kaum zu erkennen – und ihm fiel noch etwas auf: Der Sturm hatte sein Dröhnen verändert. Er klang anders.
Er stieß sich von der Wand ab und kämpfte sich in den Wind.
Unglücksstelle
Der Ellbogen pochte. Der Weg zur Mauer führte über den Dorfplatz, und normalerweise duckte man sich dort nur eben durch die offene Fläche und war froh, wenn man drüben war. Heute blieb Norian mitten auf dem Platz stehen, obwohl der Sturm an ihm zerrte und er zwei, drei Ausfallschritte machen musste. Denn was er sah, hielt ihn fest.
In der großen Mauer, dem gewaltigen grauen Rücken, der das Dorf sein ganzes Leben lang umschlossen hatte wie eine Hand ein Streichholz, klaffte ein Loch.
Es war nicht groß, gemessen an der Mauer. Gemessen an allem anderen war es jedoch riesig. Ein ausgefranster, dunkler Riss von der Breite zweier Häuser, durch den der Himmel an einer Stelle sichtbar wurde. Und durch dieses Loch kam der Wind – nicht der gewohnte, von der Mauer gebrochene und gezähmte Wind, sondern der andere, der von draußen, roh und ungeteilt, und er fuhr durch die Gassen wie durch die Gänge eines eroberten Hauses. Deshalb also. Deshalb hatte ihn die Böe vorhin von den Füßen geholt. Das Dorf hatte eine Wunde, und durch die Wunde kam das, wogegen die Mauer gebaut worden war.
Und mit dem Wind, dachte Norian unwillkürlich, und der Gedanke war kindisch und er dachte ihn trotzdem: Wenn sie nun durch diese Schwachstelle kämen? Die aus den Geschichten, die, gegen die das Tor einst gebaut worden sein sollte, lange vor dem Wind? Er schüttelte den Gedanken ab wie Regen. Es gab genug Wirkliches, vor dem man sich fürchten konnte.
Je näher er der Mauer kam, desto kleiner wurde er. Das war immer so, das war das Gesetz der Mauer, aber heute kam etwas hinzu: Unter dem Loch, fast winzig, lagen die Reste der beiden Häuser. Aus der Entfernung hatten sie ausgesehen wie ein Steinhaufen. Aus der Nähe sah man, dass der Steinhaufen Kanten hatte, die einmal Türstürze gewesen waren, und Flächen, die einmal Wände, und dazwischen, hervorgequollen wie das Innere einer aufgeplatzten Frucht, das Hab und Gut zweier Familien. Ein zersplitterter Schemel. Ein Kochtopf, plattgedrückt. Ein Kinderschuh – nein, vom Staub grau gefärbt.
Die Femmers hatten Netze geknüpft. Das war ihr Anteil gewesen, solange Norian denken konnte: Im Winter saßen die beiden Alten in ihrer Stube, das Garn zwischen den Knien, und knüpften für halbe Gassenzüge, gegen Rauchfleisch, gegen Leder, gegen einen Winkel Brennholz. Als Kind hatte Norian ihnen Garn hinübergetragen und dafür jedes Mal etwas bekommen, das gedörrte Birne sein sollte – aber nicht so schmeckte. Die Frau hatte beim Knüpfen die Maschen laut mitgezählt, immer bis zwanzig und dann von vorn, und dem Mann war der Daumen krumm gewachsen vom Zuziehen der Knoten. Viel mehr wusste Norian nicht über sie. Man kannte im Sturmtal jeden. Das hieß jedoch nicht, dass man einen kannte.
Ihre Tochter stand unten am Fuß des Haufens – eine Frau aus dem Unterdorf mit einem Tuch um den Kopf. Die Leute machten ihr Platz in der Reihe, und sie nahm den Platz und gab Steine weiter wie alle anderen. Niemand sagte ein Wort.
Mehr als dreißig Dorfbewohner arbeiteten in den Trümmern, reichten Steine von Hand zu Hand, eine Kette grauer, gebeugter Gestalten. Die Verschütteten hatte man in der Nacht geborgen, das wusste er von Vater, aber die Menschen gruben weiter, weil Graben das Einzige war, was man tun konnte, und weil unter den Steinen das Leben von Menschen lag, das man wenigstens in Teilen zurückholen wollte. Neben dem Steintor, dem einzigen Durchgang nach Draußen, stand ein Grüppchen und starrte nach oben in das Loch, und der Wind trug Fetzen ihrer Sätze heran: „…schaffen die Steinbogenmeister niemals…“, „…jedes Jahr schlimmer…“, „…und wohin sollen die denn jetzt…“
Norian stellte sich in die Kette und arbeitete, bis seine Hände weh taten. Und dann noch weiter. Es half gegen das Gefühl in seiner Magengrube.
Die Kette hatte einen Takt, und man suchte ihn sich nicht aus. Bücken, greifen, drehen, abgeben. Wer zu schnell war, staute; wer zu langsam war, riss die Kette auseinander, und dann standen zwanzig Leute mit einem Stein in den Händen und warteten auf einen. Nach einer Weile dachte man nicht mehr.
Links von ihm arbeitete ein alter Mann mit einer Wollmütze, der bei jeder Drehung ein kurzes Geräusch machte, halb Stöhnen, halb Ausatmen. Rechts von ihm nahm eine Frau die Steine mit beiden Händen und sah dabei nie hin. Kam etwas Schweres, rief einer nach vorn „Schwerer“, und die Kette wurde für zwei Griffe langsam und fand den Takt wieder. Zweimal ging ein Eimer Wasser in die Gegenrichtung, von Hand zu Hand, und jeder trank einen Schluck und gab ihn weiter. Der letzte Schluck war grau.
Die Handschuhe rissen am Daumenballen zuerst. Norian drehte sie und arbeitete weiter, dann gingen sie zwischen den Fingern auf, dann arbeitete er ohne. Der Staub setzte sich in die aufgeriebenen Stellen und brannte darin, und der Wind nahm ihn schräg über den Haufen davon und legte ihn den Leuten in die Falten der Gesichter – bis alle aussahen wie sein Vater am Morgen. Sein Ellbogen pochte im Takt seines Pulsschlags. Und sein Rücken begann zu schmerzen.
Nach Stunden war der Haufen nicht wirklich kleiner geworden. Er hatte nur eine andere Form.
Irgendwann, als er einen flachen Stein zur Seite wuchtete, sah er darunter etwas Helles: Papier. Ein Buch, oder was davon übrig war – der Einband zerrissen, der Rücken gebrochen, die Seiten vom Steinstaub gepudert und an den Rändern zerfetzt. Er erkannte es sofort. Er hatte es auf Brans Schoß liegen sehen, an ihrer Feuerstelle, im Winter. Bran hatte nie daraus vorgelesen. Er hatte nur manchmal mit der flachen Hand daraufgeklopft, wenn er etwas besonders wichtig fand, als rufe er das Buch zum Zeugen auf.
Norian sah sich um. Niemand achtete auf ihn. Er schob das Buch unter seine Jacke, gegen die Brust, und schämte sich nicht einmal.
„Ich wusste, dass du hier bist.“
Er fuhr herum. Yra stand hinter ihm, außer Atem, die dunklen Haare vom Wind zu einem einzigen Knoten verwirrt. Sie musste vom Unterdorf heraufgerannt sein, den ganzen Weg. Yra rannte immer. Sie war etwas älter als er und hatte es trotzdem nie gelernt, irgendwo langsam anzukommen.
„Yra.“ Mehr fiel ihm nicht ein.
Sie sah an ihm vorbei zur Mauer hinauf, und in ihrem Gesicht arbeitete es auf die Weise, die er kannte, seit sie Kinder waren: „Sieh es dir an“, sagte sie. „Sieh dir an, wo die Mauer gebrochen ist. Nicht einfach irgendwo zufällig. Genau an den Stellen, wo wir bereits vor vier Jahren kleinere Risse entdeckt haben. Und dann haben die nur oberflächlich etwas Mörtel in die Risse gesteckt. Ich hab's ihnen damals gesagt. Ich hab gesagt, der Frost sitzt da drin, ihr mauert ihn nur ein –“ Sie brach ab und presste die Lippen zusammen. Zwei Männer trugen eine Trage mit geborgenem Hausrat vorbei, und man senkte unwillkürlich die Stimme, wie an einem Grab.
„Wenn sie nur aufhören würden, Risse zu flicken, ohne wirklich zu hinterfragen, warum sie entstehen“, sagte sie leiser.
Norian sah zu dem Loch hinauf, durch das der fremde Himmel drückte. „Vielleicht“, sagte er, „weil die alten Steinbogenmeister das einfach schon immer so gemacht haben.“
Yra sah ihn von der Seite an, überrascht, als hätte er ihr etwas weggenommen, das sie gerade selbst hatte sagen wollen. „Die Risse“, sagte sie dann langsam. „Sie kommen nicht überall. Sie kommen wieder. An denselben Stellen, in denselben Jahren. Wenn man wüsste, wo die Mauer als Nächstes bricht –“ Sie packte plötzlich seinen Arm, so fest, dass es wehtat. „Du zeichnest sie doch. Die Mauer. Das Tor. Du zeichnest sie, seit du klein bist, ich hab die Blätter bei euch gesehen, stapelweise.“
„Wenn mir langweilig ist“, sagte Norian, und es klang alberner, als es war. Es war nie Langeweile gewesen. Er hätte nicht erklären können, was es war: dass seine Hand ruhig wurde, wenn er den Stift führte, oder dass er die Mauer bereits mehr als achtzig Mal gezeichnet hatte, ohne dass es ihm langweilig wurde. Sie wandelte sich. Jahr für Jahr.
„Bring sie mir“, sagte Yra. „Alle. Heute noch.“ Ihre Augen glänzten auf eine Art, die er kannte und die immer Arbeit bedeutete. „Ich muss sie nebeneinanderlegen. Nach Jahren. Verstehst du? Wenn die Mauer ein Muster hat, dann hast du es aufgezeichnet, seit Jahren, ohne es zu wissen.“
„Viele sind nicht fertig.“
„Ganz egal, es geht um die Änderungen über die Zeit.“
Und dann war sie schon wieder in Bewegung, rückwärts gehend, gegen den Wind gelehnt, das Gesicht ihm zugewandt: „Heute noch, Norian!“
„Ich muss aufs Feld!“, rief er ihr nach. „Es ist der erste Feldtag!“
Aber sie war schon im Gewirr der Gassen verschwunden, Richtung Süden, und der Sturm fraß seine Worte, wie er alles fraß. Norian stand noch einen Moment zwischen den Trümmern, das zerfetzte Buch unter der Jacke gegen die Brust gedrückt, und über ihm heulte der Wind durch das einzige Loch, das ihn mit dem Rest der Welt verband.
Aufbruch zur Feldarbeit
Zu Hause stand Vater in der Stube, gerichtet fürs Feld, die Netze über der Schulter, und Mutter stand vor ihm und hatte die Arme verschränkt.
„Du warst die ganze Nacht auf den Beinen. Du legst dich hin.“
„Es ist der erste Feldtag.“
„Es ist der erste Feldtag von hundertzwanzig. Einer weniger bringt uns nicht um.“
„Doch“, sagte Vater ruhig. „Genau das tut er. So einer weniger, und noch so einer, und im Winter fehlen sie alle.“ Er sagte es ohne Härte, wie eine Rechenaufgabe, und das Schlimme war, dass es eine war. Norian kannte die Rechnung. Jeder im Dorf kannte sie. Das Land war karg, der Wind fraß von jeder Saat seinen Teil, und was im Herbst in den Kammern lag, reichte in guten Jahren knapp und in schlechten schon lang nicht mehr, um wirklich satt über den Winter zu kommen.
Mutter sah zu Norian, suchte einen Verbündeten, aber Norian nahm schon seine Feldsachen vom Haken. Wenn Vater ging, ging er auch; das war keine Entscheidung, das war halt so. Zwei Rücken schafften mehr als einer.
Mutter gab es auf: wortlos, indem sie sich wieder an die Arbeit machte. Sie nahm ein Netz von der Bank, setzte sich und begann zu stopfen, und dabei summte sie. Sie summte immer, wenn ihre Hände arbeiteten und ihr Kopf woanders war – eine kleine, wortlose Melodie, dieselbe, solange Norian denken konnte, auf und ab, wie etwas, das man einem Kind vorsingt. Das Merkwürdige daran fiel ihm erst an diesem Morgen auf: Es war Brans Melodie. Die zu der Geschichte vom Land, wo der Wind schläft – derselben Geschichte, für die sie Bran jedes Mal gescholten hatte, weil er dem Kind Flausen in den Kopf setzte. Er musste sie bald darauf ansprechen.
Auf der Treppe erblickte er Cera sitzen.
Sie saß auf der dritten Stufe von unten, im Nachthemd, die Arme um die Knie, und ihr Gesicht sagte, dass sie alles gehört hatte. Nicht das mit dem Feld. Das andere. Mutter musste es ihr gesagt haben, während er an der Mauer gewesen war.
„Stimmt es?“, fragte sie. Ihre Stimme war ganz ruhig, viel zu ruhig für neun Jahre.
Norian kniete sich vor die Treppe, sodass ihre Gesichter auf einer Höhe waren. „Ja.“
„Auch Bran?“
„Auch Bran.“
Cera nickte langsam, als hake sie etwas ab, und ihre Unterlippe blieb dabei ganz fest. Nur ihre Hände verrieten sie; sie zupfte am Saum des Nachthemds, drehte den Stoff zwischen den Fingern. „Er wollte mir noch erzählen, wie die Geschichte ausgeht“, sagte sie. „Die mit dem Land, wo der Wind schläft. Er hat gesagt, die erzählt er mir am Torfall-Fest zu Ende.“
„Ich weiß.“
„Wer erzählt sie mir jetzt zu Ende?“
Norian öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Über solche Fragen gingen Erwachsene mit Trostworten hinweg, das wusste er, aber ihm fiel keines ein, das nicht gelogen gewesen wäre. „Ich weiß es nicht“, sagte er schließlich. „Vielleicht müssen wir sie selbst zu Ende erzählen.“
Cera sah ihn lange an. Dann nickte sie wieder, dieses erwachsene, abhakende Nicken, und stand auf und ging nach oben, und erst an der obersten Stufe fing sie an zu weinen, leise, weil sie nicht gehört werden wollte, und Norian stand unten und hörte es doch und hasste den Wind, die Mauer, die Steine, alles.
Dann gingen sie aufs Feld.
Der Weg führte nach Westen, nah an der südlichen Felswand entlang, wo verkrüppelte Bäume in Reihe standen, alle in dieselbe Richtung gebeugt wie alte Männer im Gehen. Einzelne Häuser am Weg waren geschmückt – Wimpel aus gefärbtem Tuch, straff gespannt, weil loser Schmuck keine Stunde überlebt hätte: In sechs Tagen war Torfall-Fest, und das Dorf schmückte sich, während am Nordrand die Trümmer lagen. Norian wusste nicht, ob das trotzig war oder gedankenlos, und er wusste nicht, was schlimmer wäre.
Sie überquerten die beiden Bäche auf den kleinen Brücken, die man alle paar Jahre neu verkeilen musste, und dann öffnete sich das Land zu den Feldern hin, dort, wo die Bäche sich vereinigten und dem See zuliefen und die Mühlen zwischen den Hügeln standen. Hier, im Windschatten der Felswand und der Hügel, zerrte der Sturm nicht mehr ganz so unnachgiebig; man konnte aufrecht gehen, wenn man klug ging. Auf den Feldern arbeiteten schon andere, kleine gebückte Gestalten, die die schweren Windnetze über die frisch bestellten Streifen spannten – engmaschiges, geteertes Garn, gewebt in den langen Wintern, das die Saat am Boden hielt, bis sie Wurzeln hatte, mit denen sie sich selbst festhalten konnte. Nichts wuchs im Sturmtal, das sich nicht irgendwo festhielt.
Sie gingen auf ihr Feld, den vierten Streifen von der Dorfseite kommend, den mit dem steinigen Ende. Zuerst die Pflöcke: Hartholz, eine Armlänge lang, oben mit einer Kerbe, und man schlug sie nicht senkrecht ein, sondern schräg, die Spitze gegen den Wind – sonst hob er sie über den Sommer aus dem Boden, wie ein Kind einen Milchzahn dreht. Vater setzte, Norian schlug. Zwölf Schläge für einen Pflock im weichen Boden – zwanzig im steinigen. Am steinigen Ende ging jeder dritte Pflock zu Bruch, und man hob den Stumpf heraus und setzte einen neuen daneben und ärgerte sich zweimal über dieselbe Stelle.
Dann das Netz. Man rollte es niemals einfach so ab. Man begann am windabgewandten Ende, kniete auf die Rolle, damit sie nicht wegging, und ließ sie sich Handbreit für Handbreit unter dem Knie hervorziehen, und wer den Rand losließ, hatte kein Netz mehr, sondern ein Segel. Norian hatte das mit elf einmal getan. Er hatte dem Netz eine halbe Wegstunde weit nachlaufen dürfen, allein, und hatte danach nie wieder losgelassen.
Der Rand kam unter die Steine, Schritt für Schritt, und in die Kerben der Pflöcke kam der geteerte Bindfaden, in einem Knoten, den man auch mit klammen Fingern wieder aufbekam. Das Garn färbte ab; nach dem ersten Feldtag war die Hand zwei Wochen lang nicht sauber zu kriegen, und Mutter ließ einen dafür nicht ans gute Tuch. Die Risse kamen im Sommer, drei- oder viermal an jedem Netz – und sie kamen fast immer dort, wo im Winter geflickt worden war, weil der neue Faden härter ist als der alte und der harte den weichen zersägt. Das wusste jedes Kind im Tal. Man flickte trotzdem. Ein neues Netz zu weben dauerte zwei Winter.
Auf dem Nachbarstreifen arbeitete ein alter Mann mit zwei Enkeln. Einmal kam er herüber, sah Vater an und sagte nichts über die Nacht, sondern: „Bran hat mir mal einen Pflock geschnitzt. Der hält heute noch.“ Dann ging er zurück an seinen Streifen. So sprach das Sturmtal sein Beileid aus – und es war nicht die schlechteste Art, fand Norian.
Sie arbeiteten bis in den Nachmittag.
Vater wurde langsamer und langsamer, und als sie am Ende die Werkzeuge schulterten, sah Norian, dass die Hände seines Vaters zitterten, und beide taten so, als hätten sie es nicht bemerkt.
Zu Hause stand das Essen auf dem Tisch, und Norian hatte den Löffel schon halb am Mund, als es ihn durchfuhr: Yra.
Er sprang auf, dass der Schemel kippte, nahm die Treppe in drei Sätzen und riss in der Kammer die Truhe auf, in der seine Zeichnungen lagen, Jahre über Jahre, nach unten hin vergilbt. Cera saß auf ihrem Bett und sah ihm zu, wie er die Blätter in eine Ledermappe stopfte.
„Wohin gehst du?“
„Zu Yra. Sie glaubt, in den Zeichnungen steckt was. Über die Mauer. Warum sie an bestimmten Stellen kaputt geht.“
Cera überlegte. Dann rutschte sie vom Bett, wühlte unter ihrer Matratze und hielt ihm ein Blatt hin, ganz zerknittert: eine seiner Zeichnungen vom Steintor, die er ihr vor einem Jahr geschenkt hatte, weil sie so lange gebettelt hatte. „Die auch?“
Er wollte sagen: Die ist geschenkt, die bleibt bei dir. Aber ihr Gesicht war so ernst, so voller Willen, dass ihr Blatt helfen sollte, dass er es nahm wie ein kostbares Werkzeug. „Die auch. Die ist eine von den besten.“
Sie strahlte zum ersten Mal an diesem Tag. Ihm wurde sofort warm ums Herz.
Gespräch mit Yra
Yras Haus lag im Süden, dort, wo die Gassen so schmal wurden, dass sich zwei Erwachsene beim Begegnen drehen mussten, links die große Mauer, vor einem aufragend die südliche Felswand. Ihr Haus war zur Hälfte in den Fels geschlagen – das hatte ihr Vater gemacht, der Steinbogenmeister gewesen war und überaus geschickt, das sagten alle, die ihn gekannt hatten, und sie sagten es mit diesem bestimmten Absenken der Stimme, mit dem man von Toten sprach, die zu früh gegangen waren.
Yra lebte allein, seit sie siebzehn war. Es lebte sonst kaum jemand allein im Dorf; Häuser waren rar, Platz an der windschützenden Mauer knapp, und Alleinsein galt als Verschwendung von beidem. Ein paar Jahre hatte ihre Tante nach ihr gesehen, dann hatte Yra ihr freundlich und endgültig die Tür aufgehalten. Sie kam zurecht. Sie lebte vom Reparieren – Mühlengetriebe, Webstühle, Türangeln, alles, was klemmte oder brach, trug man zu Yra, und meistens trug man es heil wieder heim. Ihr Haus sah entsprechend aus: An den Wänden hingen Werkzeuge in einer Ordnung, die nur sie verstand, auf jedem Sims lagen halbfertige Erfindungen, und es roch nach Öl, Leim und Steinstaub. Norian mochte diesen Geruch. Zumindest hat er sich über die Jahre an ihn gewöhnt.
Im hintersten Winkel stand der Amboss ihres Vaters. Sie brauchte ihn selten. Sie fettete ihn jeden Herbst ein, sie sprach nie darüber, und Norian hatte irgendwann gelernt, in diesem Winkel des Raumes nichts abzustellen.
Sie räumte mit einem Arm den großen Tisch frei – schob einfach alles auf die Bank daneben – und sie breiteten die Zeichnungen aus. Dann begann das Sortieren. Norian datierte die Blätter, so gut er konnte: an der Härte seines Strichs, an Rissen im Papier, an dem, was am Rand gekritzelt war. Hier der Winter, in dem Cera geboren wurde, da hatte er das Tor mit Schneewehen gezeichnet. Hier der Sommer der großen Dürre, das Papier voller brauner Sprenkel, weil ihm der Schweiß draufgetropft war. Sein halbes Leben lag auf diesem Tisch, in grauen Strichen.
Yra schrieb mit Kohle Zahlen auf die Rückseiten, während er redete, und sie ließ ihm nichts durchgehen. ‚Irgendwann im Winter‘ gab es bei ihr nicht.
„Welcher Winter.“
„Der mit dem Eis am Brunnen.“
„Das waren zwei.“ Sie hielt das Blatt schräg gegen die Kerze. „Der Winter, in dem der Brunnen zwei Tage zu war, oder der, in dem er neun Tage zu war?“
„Weiß ich nicht mehr genau, der wo wir über eine Woche kein frisches Wasser hatten und eben Schnee schmelzen mussten …“
„Gut.“ Sie kritzelte ein weiteres Datum auf die Rückseite.
Er fand Blätter wieder, an die er sich erinnerte, und Blätter, an die er sich nicht erinnerte, und das waren die meisten. Eines war am unteren Rand angesengt, weil er es zu nah an den Talgstumpf gelegt hatte. Auf einem klebte ein brauner Daumenabdruck, wo er den Teer der Netze nicht abbekommen hatte – danach wusste er die Jahreszeit auf zwei Wochen genau. Eines war zweimal geknickt und wieder glattgestrichen: das Blatt, das ihm der Wind aus der Hand geholt hatte und das er drei Tage später in einer Dornenhecke am unteren Bach wiederfand – wellig und steif, aber vollständig. Auf der Rückseite eines anderen hatte Cera mit Kohle ein Tier gemalt, das ein Ziegenbock sein sollte. Er legte dieses Blatt mit dem Tier nach unten.
Das älteste war klein und krumm und zeigte den Bogen mit dreizehn Steinlagen, obwohl der Bogen weit mehr hatte. Er war damals sieben gewesen und hatte gezeichnet, was ihm wichtig vorkam. Yra hielt es lange in der Hand.
„Das kommt auch in die Reihe.“
„Da stimmt nichts dran.“
„Es steht ein Jahr drauf, und es ist der Anfang deiner Reihe.“ Sie lachte leise und legte es an den Kopf des Tisches.
Yra beugte sich darüber und wurde still. Das war das Unheimlichste an ihr, fand Norian: Sie, die nie stillstand, konnte über einer Sache erstarren wie ein Raubvogel über dem Feld. Sie wanderte die Reihe der Jahre ab, vor und zurück, vor und zurück, holte eine Kerze, wanderte wieder. Draußen wurde es dunkel. Der Sturm fuhr mit dumpfen Schlägen gegen den Fensterladen.
„Da“, sagte sie plötzlich.
Ihr Finger lag auf einer Zeichnung, drei Winter alt, auf einer feinen senkrechten Linie im Mauerwerk neben dem Nordbogen. Dann sprang der Finger zwei Blätter weiter, gleiches Jahr, Frühsommer: Die Linie war noch da, kaum breiter. Dann ins nächste Jahr, Spätwinter: Die Linie war ein Riss geworden, und Norian hatte ihn kräftiger nachgezogen, ohne sich dabei etwas zu denken. Dann ein Blatt aus dem Herbst darauf.
Der Riss war fort. Stattdessen hatte Norian dort eine dunkle Fehlstelle schraffiert und daneben, klein und ordentlich, neue, hellere Steine: geflickt.
„Ein ausgebrochener Stein“, sagte Yra leise. „Und jetzt sieh her.“ Sie zog vier andere Blätter heran, andere Stellen, andere Jahre, und es war jedes Mal dasselbe, so deutlich, dass Norian nicht begriff, wie er es hatte zeichnen können, ohne es zu sehen: Erst die feine senkrechte Linie. Dann, über die Wintermonate, wurde sie breiter – immer über die Wintermonate, in den Sommerbildern wuchsen die Risse fast nie. Dann, Wochen oder Monate später, brach an genau dieser Stelle der Stein. Selten blieb es bei einem. Und einmal, das sah man an dem ältesten Blatt der Reihe, war aus so einem wandernden Riss ein Ausbruch geworden, so groß, dass die Steinbogenmeister einen halben Sommer daran gemauert hatten.
„Das ist der Frost“, sagte Yra. Ihre Stimme war ganz ruhig, aber ihre Hände nicht. „Das Wasser kriecht in die senkrechten Risse, den ganzen Herbst. Dann kommt der Frost und dehnt es aus und sprengt den Stein, von innen, jeden Winter ein Stück weiter, bis er fällt. Es sind nicht alle Risse, Norian. Die waagerechten tun fast nichts. Aber die senkrechten, die über einen Winter wachsen –“ Sie sah auf, und in ihren Augen war die Kerze doppelt. „Man kann es vorher sehen. Verstehst du? Es steht alles auf deinen Blättern. Man kann sehen, wo die Mauer als Nächstes bricht, Monate vorher. Man müsste nur genau dort ausbessern, gezielt, bevor der Winter kommt – und so ein Loch wie das von gestern Nacht“, sie zeigte mit dem Kinn nach Norden, durch die Wand, dorthin, wo die Trümmer lagen, „so ein Loch gäbe es nie wieder.“
Norian sah auf sein halbes Leben auf dem Tisch. All die Stunden am Fuß der Mauer, den Stift in klammen Fingern, all die Blätter, für die er sich fast geschämt hatte, weil sie zu nichts nütze waren, während andere Netze knüpften und Steine schlugen.
„Morgen früh“, sagte Yra, und jetzt stand sie schon wieder, sammelte die Blätter mit schnellen, präzisen Händen zu Stapeln, „gehen wir zu den Steinbogenmeistern. Wir zeigen ihnen alles.“
Und weil sie es sagte, in diesem Ton, in diesem Haus, das nach es-geht-doch roch, glaubte Norian für die Länge dieses Abends, dass es genau so einfach werden würde.